Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel

Das erste Mal, dass ich den Kunstbegriff "der Kopie einer Kopie" gehört habe, war in einem Film-Interview des japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto während einer Kunstausstellung.

In einer seiner schwarz-weiß-Serien beschäftigt er sich mit überlebensgroßen Portraits von Wachsfiguren historischer Persönlichkeiten. Das spannende dabei ist, aus seiner Sicht, dass man das Aussehen der historischen Personen ja nur aus Überlieferungen kennt, also beispielsweise aus Gemälden ihrer Zeit. Da die Malerei einen deutlich größeren Spielraum bei der naturgetreuen Abbildung hat, basieren die Bilder auf einer malerischen Interpretation. Und so weiter, und so fort, bis irgendwann ein Künstler eine Wachsfigur auf Basis von Malereien modelliert, die dann wiederum von Sugimoto abfotografiert wird. Im Grunde hat die abgebildete Person irgendwann nichts mehr mit dem Original-Mensch zu tun. Man macht ein Bild von einem Bild von einem Mensch, der in grauer Vorzeit tatsächlich gelebt hat.

Klingt rein fotografisch jetzt nicht besonders spannend. Aber Sugimoto verfrachtet die Wachsfigur in eine Studiosituation und belichtet auf einer monströsen Großbildkamera bei so hauchzartem Licht, dass die Wachsfigur auf dem Foto verwirrend lebendig wirkt. Nach dem Überraschungsmoment über die Lebensechtheit beschleicht einen bei längerer Betrachtung des feinkörnigen und sehr scharfen, sehr großen Fotos ein leises Frösteln, wenn man herausfindet, das man überhaupt gar nicht auf einen Menschen gekuckt hat.

Mehr dazu auf: www.sugimotohiroshi.com

Insofern ist die physische Verwandlung eines Körpers in eine andere Gemütsform aus künstlerischer Sicht betrachtet ein reizvoller Vorgang. Das erste Mal, dass ich bei der Transformation eines Objekts über mehrere Stufen aktiv an einer teilnehmen konnte, war anhand eines Teebeutels. Wie ein Teebeutel aussieht, weiß man ja, und wie er nach den Aufbrühen aussieht, ebenfalls (wie ein kleines trauriges Gespenst, dass den Weg ins Schloss nicht mehr findet). Danach kam die Umwandlung in Porzellan von einer Schmuckkünstlerin, und von diesem Zustand habe ich ein Negativ in Silikon abgenommen (der Porzellan-Beutel hat diesen Schritt nicht gut verkraftet). Und mithilfe von Giessharz wurde dann eine Replik angefertigt.

So verändert man also ein Ding von einem Zustand in einen anderen. Aus einem ausgelutschten Teebeutel ist ein ziemlich flottes Objekt geworden, der durch ein gewagtes Farbspiel die Depression hinter sich gelassen und die Neuzeit betreten hat. Als Arbeitstitel hat den Namen "Disco-Teebeutel"

Ein Lederband, ein Stück Silberrohr und fertig ist ein reizvolles Stück, das vor langer Zeit, nach dem Teeaufbrühen, beinahe als Abfall geendet wäre.

Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel
Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel
Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel
Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel
Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel
Giessharz-Anhänger: Kopie einer Kopie vom Teebeutel
Zurück zu Home

Diesen Post teilen

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Über mich

Edna Mo


Sehen Sie das Profil Edna Mo auf dem Overblog portal

Kommentiere diesen Post