Armreifen, Amerika, Schildkröten und andere Effekte

Man liest und hört darüber: manche Blogger leiden unter einer Schreibblockade, so wie echte Schriftsteller, es mangelt an Inspiration für Beiträge, oder sie fühlen sich ausgebrannt.

Da breitet sich ein ganz neuer Monat vor Dir aus, nackt wie Gott ihn schuf, und im Redaktionsplan (oder welches Hilfsmittel auch immer als Speicher dient) befindet sich - nickes!

In meinem Speicher befinden sich derzeit nur - Ohrringe.
Immer, wenn ich mir ein Projekt vornehme - ein schönes, neues, aufregendes Schmuckprojekt, wie beispielsweise "Harz-in Harz-Einbettung" - ertappe ich mich doch immer wieder dabei, dass ich stattdessen "mal eben schnell" noch ein paar Drahtorringe mache.

(Wo bitte kann ich mich zu den "Anonymen schwarze-Drahtorringen-Abhängigen" anmelden?)

Der heutige Beitrag ist einer der "ich-fülle-unauffällig-die-Lücke-bis-zum-nächsten-Drahtohrring-Beitrag"-Beiträge. In dem ich methadonmäßig über Armreifen und Farbmuster berichte.

 

Armreifen, Amerika, Schildkröten und andere Effekte

Vier Dinge sind im Zusammenhang mit diesen beiden gezeigten Armreifen berichtenswert.

Anlass eins: den breiten Armreif habe ich hergestellt, vor rund zwei Jahren. Und verkauft. Vor etwas einem Jahr. Nach Amerika. Er kam nach drei Monaten wieder zurück, weil die Kundin ihn nicht von der Post abgeholt hatte. Sie hatte die Postbenachrichtigung fälschlicherweise für Abzocke gehalten. Es handelt sich also um ein weitgereistes Stück: Auslansderfahrung, Visum, Sprachkenntnisse. Das wünscht man sich. Nun liegt er also bei mir herum und protzt mit seinen Abenteuern.

Anlass zwei: ab und zu besuchen mich Menschen und kramen in meinen Kisten und Boxen, in denen sich meine Kunstharz-Kreationen stapeln (ist leider so) und möchten etwas kaufen. Das finde ich gut, damit kommt wieder Platz in die Bude.

"So wie das, aber in der Farbe" heißt es dann oft, und es werden zwei völlig unterschiedliche Dinge hochgehalten. In diesem Fall sollte die zierliche Armspange in der Farbe des bulligen Amerika-Armreifs umgesetzt werden.

Handgefertigte Resin Armreifen in halbtransparenter Horn-Optik.

Handgefertigte Resin Armreifen in halbtransparenter Horn-Optik.

Beim Amerika-Armreif handelt es sich um ein extrem gelungenes Exemplar einer Kunstharz-Marmoriertechnik. Bei der Marmoriertechnik gehorchen die Farbpigmente den Gesetzen der Schwerkraft und flutschen - wie hier gut zu sehen - im Armreif von oben nach unten.

Wenn man transparente und blickdichte Farben kombiniert, können damit schöne Dinge pasieren. Ein bißchen trainieren kann man die Erzeugung des Effeks in der Art, wie man die Farben eingießt. Meistens pfuscht man so herum und freut sich (48 Stunden später, wenn man schon gar nicht mehr weiß, was man da eigentlich so genau in welcher Reihenfolge gemacht hat) hinterher, dass es toll geworden ist.

Jetzt habe ich also den Auftrag angemommen, dieses Ergebnis zu reproduzieren. Also, wie war das noch gleich mit der Marmoriertechnik????

Aber manchmal klappt auch was auf Anhieb. Schön ist die Armspange geworden, auch in den Farben gleich. Was man gut sehen kann: aufgrund der unterschiedlichen Materialstärke ist die Spange deutlich heller und transparenter geworden ist als der bullige Armreif. Ganz übertragen kann man die Optik also nicht.
Aber die Kundin ist zufrieden, und bevor sie ihn abholt, mache ich schnell noch ein Foto von Mutter und Kind, das letzet Mal vereint.

Marmoriereffekt in halbtransparenten Kunstharz-Armreifen.

Marmoriereffekt in halbtransparenten Kunstharz-Armreifen.

Anlass drei: ich suche immer nach Schlagwörtern, um damit die Farbeffekte zu beschreiben, wie sie im Harz erzeugt werden, wie eben den zungenbrechenden "Marmoriereffekt".
Neulich bin ich über das Wort "Schildpatt" gestolpert und war kurzzeitig elektrisiert. Denn unter "Schildpatt" kann sich der Normalsterbliche vielleicht mehr vorstellen als unter "Marmoriereffekt" und ich erwog bereits eine global angelegte Umbenennung.

Aber - leider nein. Schildpatt ist eine Bezeichnung für einen gefleckten Effekt, der ursprünglich bei Schmuck aus Schildkrötenpanzern zu finden war. Wikipedia beschreibt es so: "durchscheinend und buntfarbig (gelb, rot, braun, schwarz) geflammt oder gewölkt".
Nachdem die Schildkröten des Schildpatts wegen kurz vor der Ausrottung standen, wurde der Handel unter Strafe gestellt und auf Ersatzstoffe ausgewichen. Heute ist das Mittel der Wahl "Zelluloseacetat", welches besonders markant in Brillengestellen zu finden ist.

Das Muster im Zelluloseacetat ist jedoch deutlich verschachtelter als beim Marmoriereffekt, als würde man feine Würfel unterschiedlicher Farbe schmelzen, so dass die Ränder weich verlaufen. Die Gesamterscheinung wird durch opake wie transparente Stellen bestimmt.

Also nix mit Umbenennung. Vielleicht muss ich doch auf die einfache, aber auch nicht besser zu visualisiernde Beschreibungen wie "Farbeffekt in Horn-Optik" ausweichen.

Kunstharz-Armreifen in halbtransparenter Horn-Optik in schwarz, weiß und gelb von Edna Mo

Kunstharz-Armreifen in halbtransparenter Horn-Optik in schwarz, weiß und gelb von Edna Mo

Anlass vier: Frauen lieben Mode, Accessoires und Handtaschen. Ich hingegen bin verrückt nach Mustern. Wenn ich ein schönes, organisches Muster sehe, will ich es sogleich versuchen,es in Harz nachzuahmen (klappt natürlich oft nicht).
Nachdem ich mir an vielen tollen vermeintlich aus Kunstharz gefertigten "Schildpatt-Horn-Optik"-Schmucksachen die Augen ausgekuckt habe, musste ich nach meiner Begriffsrecherche ernüchtert feststellen, dass die gar nicht aus Kunstharz, sondern aus Zelluloseacetat bestehen. Denn die Muster sind in ihrer Art gut zu erkennen - als etwas, was sich eben nur maschinell herstellen lässt.

Also: selber machen ist nicht (Schade!).
Aber man kann die Schmucksteine für Pfennigsbeträge übers Internet in China kaufen (Super!).

(Ich hatte mich schon gewundert, warum ein exquisites Paar "Schildpatt-Horn-Optik-Ohrringe" nur 35 Euro kosten sollte. Aber dieses Rätsel hat sich nun glücklicherweise gelöst.)

Kurzzeitig hatte ich für 40 Euro und 2,80 Euro Versand(?) chinesische Zelluloseacetat-Schmucksteine für mindestens 25 Paar Ohrringe in meinem Etsy-Einkaufskorb. Gekauft habe ich dann doch nicht. Obwohl diese Muster...mjam, ich war kurz davor, schwach zu werden, aber der Moment "zog vorüber wie ein flüchtiger Schatten und ließ mich zurück mit Scham" (um mal wieder mit einem Star-Wars-Filmzitat zu sprechen). Da hätte ich doch fast das eine Verlangen mit einem zweiten torpediert!

Eigentlich wollte ich zum Ende Juli noch einen spitzenmäßigen DIY-Beitrag zu "Armreifen-Silikonform selber herstellen" bringen. Der ist jedoch so grandios gescheitert (manchmal klappt auch was so gar nicht), dass ich den Beitrag in "mein größtes DIY-Fail" umkempeln werde.

Keine Ahnung, wer sich an Fotos von in gelber Pampe ertränktem Küchenkrepp ergötzen wird, aber ich kann ja nicht immer nur über Drahtorringe quatschen (obwohl es mir heute fast geglückt wäre!).

herzlich grüßt Dich
Edna Mo

(die den von Hand gepfuschten, schlecht zu reproduzierenden Marmoriereffekt vielleicht doch nicht so schlecht findet. Ich habe im Archiv gekramt - hier und hier und hier die gleiche Technik und ähnliche Farben in Armreifen, und jedesmal kommt ein anderes Muster dabei heraus.)

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Sabine 08/01/2018 20:49

Ich finde die Reifen haben so etwas warmes, ruhiges. Als ob man in ein leise schwelendes Feuerchen schaut. Sie sind sehr schön.
Liebe Grüße
Sabine

Edna Mo 08/01/2018 21:06

Huhu Sabine,
das hast Du aber sehr schön beschrieben, vielen lieben Dank.
Vielleicht sollte ich statt der Schildkröten-Haarespalterei lieber ..."in schwelendem Feuerchen-Optik" erfinden, was meinst Du?
Kichernde Grüße sendet Dir Edna Mo