Ballon Dog von Jeff Koons,  1994-2000, 307.3 x 363.2 x 114.3 cm. Quelle: WikiArt
Ballon Dog von Jeff Koons, 1994-2000, 307.3 x 363.2 x 114.3 cm. Quelle: WikiArt

Ich beschäftige mich gerade mit einem Harzgel (worauf ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal fachhandwerklich zurückkommen werde) und in diesem Zusammenhang drängte sich mir die Frage auf, warum wir eigentlich so unglaublich versessen auf hochglänzende Oberflächen sind. In diesem Post beschäftige ich mich daher mit dem Thema „Oberflächenbeschaffenheit“.

Nun, Kunststoff, Chrom, Spiegel: wir sind umgeben davon. Wir sind völlig glossy-glaze-geflasht. Es ist eher so, dass es kaum ein Gerät, ein Möbelstück oder sonst ein Ding gibt, dass eine matte Oberfläche hat. Man denke nur an den Tron-Film: wenn es eine tiefe Verneigung vor blitzenden, makellosen und unbefleckten Oberflächen gab, dann ist es diese Neuverfilmung. Matt dagegen ist irgendwie „out“, wirkt stumpf, glanzlos, staubig, dreckig, kurzum unattraktiv.

Ziemlich seltsam, wenn man bedenkt, dass in der freien Natur eigentlich überhaupt nichts hochglänzend ist. Sämtliche Organismen, Pflanzen und Lebewesen sind matt. Nach einiger Zeit des Grübelns habe ich für mich herausgefunden, dass die einzige natürlich vorkommende hochglänzende Oberfläche stehendes Wasser ist. Und Dinge und Lebewesen hochglänzend sind, die sich im Wasser befinden, solange sie sich im Wasser befinden.

Alle anderen optisch außergewöhnlichen Dinge sind bei näherer Betrachtung höchstens seidenmatt: Schlangen wirken irgendwie feucht, sind aber völlig trocken. Libellen und Schmeißfliegen haben irisierende Pigmente im Panzer, aber sie sind nicht hochglänzend. Im alten China hat man bestimmt schon glänzende Seide auf Handwebstühlen und funkelnde Lackschränkchen hergestellt, aber mal ehrlich: glanzeffekt-technisch sind diese Dinge von einem Jeff Koons noch meilenweit entfernt.

Wenn man sich also fragt, wann und wie die Anbetung von Hochglanz zustande gekommen sein muss, erhält man die einzig mögliche Antwort: Weil wir es können. Weil es handwerklich-industriell möglich ist, diesen künstlichen Effekt unter hohem Aufwand überhaupt erst herzustellen. Und seitdem wir verinnerlicht haben, dass nur die Meister-Proper-gereinigte Küche mit dem Tiefglanzeffekt keimfrei und rein sein kann, und Autos nur chromglänzend schön, seitdem ist Hochglanz unser Credo.

Nachdem ich nun solange um mich herum alles angestarrt und jede Menge vermeintlichen Hochglanz, aber noch mehr Staub und Gefussel entdeckt habe, muss ich zum Staubtuch greifen. Und flugs bin ich ein Opfer des Fluchs des 21. Jahrhunderts geworden. Was glänzt, wird leider trotzdem fettfingerig, kalkfleckig und schmierfilmig. Und das sieht man auf glänzenden Oberflächenviel eher als auf seidenmatten oder matten Untergründen. Also muss man öfter mal putzen, oder zügig eine Putzfrau kaufen, und mehr und länger arbeiten um die hart schuftende Putzfrau angemessen entlohnen zu können usw. usf. Und so opfern wir unsere Zeit der Aufrechterhaltung des Hochglanz.

Ob es machbar sein wird, mich zukünftig in meinem direkten Umfeld für matte und dreckabweisende Oberflächen zu entscheiden? Ganz ehrlich, dieses Staubwischen und Scheiben polieren hat überhaupt keinen Befriedigungswert.

Tag(s) : #Was Edna denkt ...

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