Meine Vermutung darüber, warum ich lange Ketten allen anderen Arten von Schmuck vorziehe, mag darin begründet liegen, dass ich keine nennenswerte Oberweite habe. Egal was ich mir umhänge, es hängt relativ schnurstracks herunter. Lange Ketten sind in Kombination mit keinem Vorbau so etwas wie die optische Garantie, dass man dem Gesäß wenig Beachtung schenkt. Was mir in meinem Fall recht ist.

Darüber hinaus gibt es natürlich den künstlerischen Anspruch: in langen Ketten verschwinden mehr Schmucksteine, die Schmuckstein-Fläche ist in der Summe größer, die Konfektionierung ist anspruchsvoller.

Ab und zu mache ich zufällig eine kurze Kette, und komischerweise sind die dann als erstes verkauft. Anlass genug, meine Unmotivation gegenüber der kurzen Kette bzw. das größere Interesse von Kundinnenseite zu ergründen. Bisher habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ein wundervoll geschriebener Blogpost von Nicole, der Fettlöserin, hat mir jedoch das Thema Schmuck für pralle Frauen sehr nachhaltig aufgezeigt.

Ja, ich mach doch so gerne auffälligen Schmuck, in seiner optischen Blendfunktion genau das Richtige, um Blicke manipulativ zu lenken. Aber: Da sich die Hürde eines großen Dekolletes mir nicht in den Weg gestellt hat, sind mir die funktionale Kriterien für Ketten, die darauf passen, schlicht unbekannt.

Je länger ich drüber nachdenke, desto unbehaglicher wird mir: es kommt mir ignorant vor, mich für das Maß aller Dinge zu halten. Große Dekolletes haben auch ein Anrecht darauf, wundervoll geschmückt zu werden. Dass lange Ketten hier nicht funktionieren, ist mir dann auch schnell klar: entweder werden sie mittig eingeklemmt oder die Kette schmiegt sich asymetrisch rund um einen der beiden Hügel. Wenn man die linke oder rechte Gebirgskette betonen will, sicher ganz brauchbar, aber unser optisches Ziel soll das Meisterwerk des menschlichen Ganzen sein, das Gesicht. Kurze Ketten sind gefragt.

Ein Hinweis auf meine unterdurchschnittliche Ausstattung wurde mir schon durch das Phänomen der Armreifen geliefert: meine Händchen sind vergleichsweise die eines Neugeborenen, normale Menschen brauchen einen viel größeren Durchmesser, um Armreifen überhaupt anlegen zu können. Für meine serviettenringformatigen Armreifchen bin ich ausreichend belächelt worden. Da hätte mir auch schon mal ein Licht aufgehen können. Ob nun füllig oder transgender - der Armreif führt eine völlig vernachlässigte Existenz, weil die Zusammenhänge zwischen Zielgruppe und Passform unerforscht sind.

Gut, gehen wir die kurze Kette also an. Ich nähere mich dem Thema, indem ich mir zuerst meine fertigen Ketten ankucke, suche die Kurzen heraus oder simuliere bei langen eine kurze Konfektionierung.

Wenn man die verschiedenen Arten kategorisiert, erschließen sich meist auch die dazugehörigen Gesetzmäßigkeiten.

Wer eine Anregung hat, ist herzlich eingeladen, sich zu äußern und mich in dieser Angelegenheit zu erleuchten!

Die runde Anordnung:

Konzept: Kurze Ketten

Kennzeichen dieser Anordnung: runde Halslinie, die entweder durch gleich große oder in der Größe absteigende Perlen der gleichen Sorte gebildet wird.

Erster Punkt: Anders als bei langen Ketten können kurze Ketten nicht über den Kopf gezogen werden und sollten daher immer einen Verschluss haben. Damit sich keine dicke Perle in den neuralgischen Migräne-Punkt im Nacken bohrt, sollte der Verschlussmechanismus im Nacken flach aufliegen.

Anders als hier teilweise simuliert muss man also den messtechnischen Punkt finden, an dem die Perlen in den Verschluss übergehen. So dass es optisch vollkommen aussieht, aber ohne zu stören. (Die Puppe wird da keine große Hilfe sein, bei dem anorektischen Stöckchen, der hier der Hals sein soll.)

Die gestufte Anordnung:

Konzept: Kurze Ketten

Kennzeichen: ein optischer Bruch, so dass die Halslinie in verschiedene Abschnitte aufgegliedert wird. Das kann ein Wechsel im Material sein, verschieden große Perlen, oder eine andere Rhythmik durch kleine Elemente oder Verbindungsstücke.

Das Edelstahlcollier ist sehr zierlich, die Version mit Lederschnur gefällt mir da besser. Die simulierte Version mit den orangefarbenen Talern ist sehr spannend, würde aber nur dann funktionieren, wenn ab Schulterlinie kleine Taler gesetzt werden.

Die dreireihige Saugnapfperlenkette ist in der kurz simulierten Anordnung sehr unproportional. Sieht aus wie ein großes Lätzchen an einer dünnen Schnur. Auch dass die Perlen unter dem Halsgrübchen eine waagrechte Linie bilden, finde ich nicht so elegant. Die oberste Reihe ist eindeutig "zu viel". An dieser Kette kann man gut nachvollziehen, welche Gestaltungselemente bei kurzen Ketten nicht funktionieren.

Das zentrale Element:

Konzept: Kurze Ketten

Kennzeichen: Runde Halslinie mit einem markanten Element, welches unterhalb des Grübchens aufliegt.

Die Proportion beider Elemente zueinander ist wichtig: links könnte das Edelstahlcollier durchaus stabiler sein, rechts der Anhänger etwas kleiner. Grundsätzlich wirken die beiden Simulationen etwas langweilig, hier könnte durchaus mehr Pep rein.

Das V:

Konzept: Kurze Ketten

Das V zeichnet sich dadurch aus, das unterhalb des Grübchens die Halslinie einen Knick macht, also eindeutig nicht rund ist. Das V läuft in der Regel nach unten in ein weiteres Element aus (Anhänger). Bei der Simulation habe ich gemerkt, dass der Anhänger nicht zu groß sein darf, flach sein sollte oder länglich.

Hier sprechen mich die Fimo-Perlen oben links als halsnahe Kettenversion besonders an: nicht zu zierlich, nicht zu voluminös und optisch spannend durch die auf- und absteigende Perlenanordnung. Der Anhänger dagegen taugt gar nichts: wegen der unregelmäßigen Unterseite liegt er nicht gut auf, sondern kippt seitlich ab.

Mir hat diese analytische Betrachtung hervorragend weitergeholfen. Nicht nur, dass sich einige vorhandene lange Ketten besser als kurze Ketten eignen und sich ein Umbau lohnen würde. Auch fürs Neu-Konzeptionieren weiß ich jetzt, woran es mangelt, beispielsweise an geeignetem Material für die Kette, wie dicke Lederkordel und Verbindungsteile. Echte kurze Ketten folgen also in Bälde.

Bis dahin: geniesst die schönen Tage! Eure Edna Mo

Tag(s) : #Modelliermasse Schmuck, #Giessharz Schmuck

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