Designentwicklung für Kunstharz-Schmuck_1

Bestimmt habe ich darüber schon einmal berichtet, dass mich in meiner kreativen Arbeit unvermittelt und schubweise ein bestimmtes Thema anfällt. Mal ist es Fotografie oder Nähen, dann wieder bin ich vertieft in einen bestimmten Aspekt des Kunstharz-Handwerks. Ein Phänomen bei mir ist, dass sich aus einer thematischen Obsession nahtlos die nächste entwickelt. In meinem Kopf ist immer alles im Fluß. Ein gelöstes Problem eröffnet direkt Möglichkeiten für etwas Neues. Oft habe ich wenigstens fünf unterschiedliche Themen gleichzeitig in Arbeit, die alle parallel bearbeitet werden, mit Unterbrechungen, aber immer schreitet irgendwie sowohl in meinem Kopf als auch unter meinen Händen eins dieser Themen voran. Und ich mag dann auch nicht lockerlassen.

Zwei Umstände haben bei mir ein Tor geöffnet. Einmal die intensive Beschäftigung mit Schleifen und Polieren. Und das zweite ist das Thema Drahtorringe. Mit dem Nagelfräser im Anschlag und der Erkenntnis, dass man mit der Tape-und-Draht-Technik eigene Formen kreieren kann, haben sich mir neue Möglichkeiten aufgetan, eigene Designentwürfen für Schmucksteine aus Kunstharz zu entwickeln.

Denn ich arbeite sowohl mit "gekauften Formen" die jedermann zugänglich sind, als auch mit selbst entworfenen Formen, die den Schmuck dann zu etwas ganz besonderem machen, weil es ihn vielleicht nur ein paar Mal gibt auf der Welt.

Zur Einstimmung zeige ich Dir ein paar Schmuckumsetzungen, die mithilfe gekaufter Silikonformen von mir hergestellt wurden. Die Kreativität kann sich bei diesen Stücken nur über die farbliche Umsetzung im Kunstharz ausdrücken.

Es sind überwiegen Silikonformen für Anhänger, Armreifen und Ringe auf dem Markt. Unterschiedlich geformte Perlen-Formen für Ketten sind unüblich. (Das hier gezeigte Beispiel wurde mit einer Pralinenform realisiert.)

Beispiele von Schmuck aus Kunstharz, mit gekauften Silikonformen hergestellt.

Beispiele von Schmuck aus Kunstharz, mit gekauften Silikonformen hergestellt.

Als nächste, schon etwas eigenwilligere Stufe gibt es die selbst erstellten Silikonformen, die von gefundenen Vorlagen abgenommen werden.

Da es sich um alltägliche Dinge handelt, besteht die Möglichkeit, dass jeder diese Idee übernimmt und Silikonformen und Kunstharz-Schmuck in seiner gestalterischen Vorliebe damit umsetzt.

Obwohl kinderleicht umsetzbar, ist der Silikon-Formenbau der am meisten verschmähte Aspekt bei der Arbeit mit Kunstharz. Es ist mir immer noch ein Rätsel, warum so wenige Menschen sich damit beschäftigen, die sonst gerne mit Gussmassen arbeiten. Dabei ist das die simpelste Möglichkeit, sich bei selbst produzierten Kunstharz-Objekten von anderen Künstlern abzuheben. Nicht umsonst habe ich dieser handwerklichen Disziplin ein eigenes Kapitel im Blog gewidmet:

Hier findest Du alle Beiträge zu Silikon-Formenbau!

 

Auch hierzu eine Übersicht mit meinen Fundstücken und Harz-Umsetzung von links nach rechts:

  • Rinderknochen als Ketten-Elenemte
  • Kieselsteine als Möbelknöpfe
  • Latritzbonbon (die 49 anderen habe ich gegessen!) als gefurchte Perle
  • Plastikmüll vom Strand
  • eine Nagellackflasche
  • ein Teebeutel mit Keramiküberzug, den ich für 10 Euro von einer Schmuckstudentin gekauft habe.

Die Formen sind nicht unbedingt mathematisch, die Oberflächen vorwiegend matt und strukturiert als glänzend und glatt.

Nachteil bei dieser Arbeitsweise: es gibt nur strenge Ordnung (viele Abgüsse ein und derselben Form) oder Chaos (keine Form gleicht der anderen).

Kunstharz-Schmuck, der auf Basis von Fundstücken mit selbst hergestellten Silikonformen umgesetzt wurde.

Kunstharz-Schmuck, der auf Basis von Fundstücken mit selbst hergestellten Silikonformen umgesetzt wurde.

Der zweite Ansatz ist ja schon ganz gut. Allerdings bürdet er einem als Schöpferin die Mühe auf, entweder die Ordnung aufzubrechen oder das Durcheinander irgendwie in eine Anordnung zu pressen, die das Auge als schön empfindet.

Daher die dritte Version: Formen, die man selbst entwickelt, und die in ihrer Art besonders oder einmalig sind auf der Welt. Erst in diesem Feld kann ich meine Vorliebe für die etwas komplexeren Formen auch in komplexere Anordnungen zur Blüte bringen.

Auch wenn es viel Arbeit ist: es werden mehrere Vorlagen in ähnlichem Design hergestellt, beispielsweise bei Schmucksteinen, die eine Kette ergeben sollen. Normalerweise benutze ich dafür Fimo, dass gebacken und mit Schleifpapier bearbeitet wird. Allerdings habe ich auf Fimo noch keinen echten Hochglanz erzielen können. Meistens benötige ich dann noch einen Umweg über erste Kunstharz-Gießlinge, denn diese kann ich hochglänzend bearbeiten, und eine zweite Silikon-Abformung.

Meine selbst entworfenen Ketten bestehen mindestens aus 5 bis 11 verschiedenen großen und verschieden geformten Perlen. Es steckt also eine höllische Vorarbeit in den gezeigten Edna-Mo-Modellen.

Alternative Methode: man entwickelt eine Form aus einer bereits bestehenden. Beispielsweise wurden die Rinderknochen außenrum kantig abgeschliffen und sind so ideal als Form für Ohrringe.

Man sieht in der Übersicht: meine Sachen sind krumm, asymmetrisch, unregelmäßig. Ich mag im Grunde keine geraden Linien und ich habe auch keine Lust darauf. Selbst meine Armreifen sind unrund.

 

Kunstharz-Schmuckumsetzungen im Design von Edna Mo.

Kunstharz-Schmuckumsetzungen im Design von Edna Mo.

Wie entwickelt man nun so eine Form aus dem Nichts?
 

Ohrringe sind derzeit eines meiner großen Projektthemen. ich habe mit kleinformatigen Perlen aus meinem Ketten-Fundus angefangen, und schnell wieder verworfen. Denn kleine Taler sind nicht besonders individuell. Ohrschmuck ist heutzutage ein sehr komplexes Thema, da werden viele Formen und Materialien miteinander kombiniert. Das eröffnet mir viele Möglichkeiten aber auch die Herausforderung, mich im breiten Spektrum des exquisiten Ohrschmucks eine eigene Daseinsberechtigung zu schaffen.

Die Aufgabe lautet: neue, ausgefallen und spezielle Formen für Ohrschmuck zu entwickeln, die sich mithilfe von Kunstharz duplizieren lassen.

Zuerst brauche ich eine Inspiration, die war in meinem Fall: das Hufeisen.

Das hufeisenförmige Element für Ohrringe ist etwas, was in Designs aus dem englischsprachigen Ausland oft Verwendung findet. Offensichtlich eine länderspezifische Vorliebe. Ich finde es formal sehr spannend, weil es viele Arten der Konfektionierung zulässt. Da es dazu auf dem englischsprachigen Markt bereits viele Vorlagen gibt, möchte ich eine eigen Version des Hufeisens entwickeln oder auch verschiedene Versionen.

Eine bestehende Version zu kaufen und abzuformen kommt also überhaupt nicht in Frage.

Hier ersten Skizzen zur Formfindung des Hufeisens (die ich in PowerPoint anlege, da ich überhaupt nicht zeichnen kann).

 

Modellbau:

Schmucksteine für Ohrringe

Nachdem ich überlegt habe, aus bestehenden ovalen Schmucksteine die Hufeisenform auszusägen, fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: aus den Rinderknochen lässt sich das Hufeisen abwandeln. Siehe oben Chart 2, die rot-weiß gefleckte Kette.
Wunderbare Vorlage, weil unregelmäßig. Unregelmäßig ist meins, mathematisch Formen sagen mir einfach weniger zu.

Ich nehme also ein paar von den MIRAS, das sind Repliken von Rinderknochen, im Grunde krumme Lochscheiben zu denen ich unzählige Silikonformen angefertigt habe. Aber aus aus Fimo habe ich gelochte Scheiben vor Urzeiten angefertigt, die sich eignen würden.

In meiner Grabbelkiste fanden sich auch gegossene Exemplare aus Harz. Das ist die Ausgangsbasis, der mit Bandsäge, dem Nagelfräser und der Schleifscheibe zu Leibe gerückt wird, bis sie meiner Vorstellung entsprechen.

Auswahl von bereits bestehenden Gießlingen als geeignete Vorlagen

Auswahl von bereits bestehenden Gießlingen als geeignete Vorlagen

Mit der Bandsäge werden die Ringe geöffnet.

Mit der Bandsäge werden die Ringe geöffnet.

Schrittweises Herantasten an eine ausgewogene Proportion.

Schrittweises Herantasten an eine ausgewogene Proportion.

Nachdem ich allerlei Formen erstellt habe, habe ich mich am Ende doch nur für vier entschieden, die als Silikonform realisiert werden sollten.

Hier also die finalen Formen der Edna-Mo-Hufeisen:

Vier neu geschöpfte Formen, Ausgangspunkt für weitere Kunstharz-Repliken.

Vier neu geschöpfte Formen, Ausgangspunkt für weitere Kunstharz-Repliken.

Nun benötigt das Hufeisen "Wingmen", also an ergänzenden Formen, um sie wahlweise am Ohrläppchen oder unten zu ergänzen (siehe PPT-Skizze oben).

Dafür würden aus 5 mm breitem Draht ein Taler und ein Rechteck geformt und mithilfe der Tape-und-Draht-Technik als Kunstharz-Steine umgesetzt.

Aluminiumdraht formen und auf die klebrige Seite von Tape heften.

Aluminiumdraht formen und auf die klebrige Seite von Tape heften.

Formen mit zähfließendem Harz füllen und harten lassen. Fertig ist die Vorlage.

Formen mit zähfließendem Harz füllen und harten lassen. Fertig ist die Vorlage.

Ein paar zusätzliche Formen sachlicher Natur, also Rechteck und Oval, sind dabei auch entstanden.

Im nächsten Schritt wird die Silikonform gemacht. Wie Du unschwer bemerkt hast, habe ich jeweils nur eine Ohrringvorlage hergestellt, und diese sind zum Teil auch noch ungleich geformt. Das bedeutet für die Hertsellung von einem Paar spiegelverkehrt geformter Ohrringe: erst mal eine Silikonform herstellen, dann die Vorlagen-Schmucksteine drehen und eine zweite Silikonform herstellen.

Nicht jeder Schmuckstein wird einzeln in Silikon abgeformt, sondern ich erstelle sogenannte Multiplés, also eine Art Tablett, in der alle zusammengehörenden Formen gemeinsam abgeformt werden. So habe ich beim Gießen alle Teile im Blick. Bei der Erstellung von Mustern ist das ein großer Vorteil, da die Farben in unterschiedlichen Gießdurchgängen oft nicht identisch passend gemischt werden.

(Die Anleitung für die Herstellung eines Silikon-Multiplés findest Du hier.)

Blick in den Gießkasten mit semi-transparentem Silikon. Die Vorlagen werden erstmalig abgeformt.

Blick in den Gießkasten mit semi-transparentem Silikon. Die Vorlagen werden erstmalig abgeformt.

Das läuft jetzt für Dich im Zeitraffer ab, aber von der ersten Skizze bis hierher habe ich mich rund einen Monat lang beschäftigt. Hier beide fertig gestellte Silikon-Multiplés als Ausgangspunkt für die Umsetzung von Kunstharz-Ohrringteilen.

Handgefertigte Multiplé-Silikonformen für die Herstellung von Ohrring-Schmucksteinen aus Kunstharz

Handgefertigte Multiplé-Silikonformen für die Herstellung von Ohrring-Schmucksteinen aus Kunstharz

Natürlich habe ich es geschafft, bei einer Hufeisenform nicht die richtige spiegelverkehrte Drehung hinzulegen, so dass von vier möglichen Hufeisen doch wieder nur drei in die erste Umsetzung gehen können. Die vierte Form muss warten, bis ich das nächste Ohrring-Multiple herstelle, und das kann etwas dauern.

Im Übrigen ist mir, nachdem die Silikonformen fertig waren, erst mal gar nichts dazu eingefallen. Erst im Zuge eines Kundenauftrags für einen Armreif in Schildpatt-Farbstellung ist da der Knoten geplatzt. Den Beitrag hier habe ich im November 2017 angefangen und kann ihn jetzt erst zu Ende bringen. Erste vorzeigbare Ergebnisse sind fertig und werden in einem der nächsten Beiträge vorgestellt.

Vielleicht bin ich keine echte Designerin, denn ich lasse mir bei vielen meiner Entwürfe vom Zufall helfen. Dass am Ende exakt das herauskommt, was ich mal auf eine Butterbrottüte gekritzelt oder im PowerPoint gefummelt habe, ist unwahrscheinlich.
Bin ich trotzdem Designer? Ich denke schon. Am Ende zählt das Ergebnis, und der Weg dorthin ist eigentlich Nebensache.

Ich bin sehr froh, dass mich in diesem Jahr noch einmal das Formenbau-Fieber gepackt hat. Die letzte massive Attacke war 2014, und die meisten meiner Designs stammen aus dieser Zeit. Danach habe ich kaum selber Formen geschöpft, sondern hauptsächlich welche gefunden. Dass mich im Zuge von Ringen und Ohrringen der Ehrgeiz beutelt, finde ich einfach famos. Selber Schöpferin zu sein, ist einfach wunderbar.

Beflügelte Grüße sendet Dir

Edna Mo

 

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Nicole 08/30/2018 16:53

Du hast es schon wieder getan und mich mit deinem Beitrag förmlich an den Monitor gefesselt. Sehr spannend zu sehen, wie du von einer Idee zu einem Ergebnis kommst. Ich saß wieder nur mit offenem Mund staunend vor meinem PC.

Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass andere Designer/innen ohne Zufall zu ihren Ergebnissen kommen. Ist es nicht immer mit einem Zufall verbunden, dass man über eine Inspiration stolpert? Und welche/r Designer/in kommt schon ohne Inspiration aus?

Grüße nach Düsseldorf,
Nicole

Edna Mo 08/31/2018 07:25

Huhu Nicole,
ein dickes Dankeschön für Dein (nimmermüdes) Lob und deinen Zuspruch.
Über Zufall und Inspiration könnte ich auch einen endlosen Monolog schreiben. Im Sinne von: man muss es auch ein bißchen herausfordern. So ganz aus dem Nichts passiert selten etwas.
Dir ein feines Wochenende. Herzlich grüßt Dich Edna Mo